. Stellt euch mal vor, in Deutschland
gibt es ein kleines Bundesland, das mit dem Rest der Republik
nichts zu tun hat. Nennen wir es Wayneberg. In Wayneberg gibt es keine Demokratie
sondern eine Monarchie, keine Marktwirtschaft
sondern Merkantilismus und gesprochen wird nicht Deutsch
sondern Portugiesisch. Und es gibt eine eigene Währung. Dieses kleine Land
wird autonom regiert und gehört
nur formell zu Deutschland. Kaum vorstellbar, aber genau das
existiert in China gleich doppelt. Dort gibt es 2 sogenannte
Sonderverwaltungszonen. Eine davon taucht gerade
immer wieder in den Nachrichten auf: Hongkong. Früher mal britisch,
jetzt chinesisch, aber dann doch nicht
so wirklich chinesisch. Und immer wieder ein Unruheherd. Warum eigentlich? Was ist los in
Hongkong? Worum geht es da? Genau das ist jetzt das Thema. * Titelmelodie * Flächenmäßig
ungefähr so groß wie Berlin, aber doppelt so viele Einwohner. Das ist Hongkong. Gelegen ganz im Süden von China, verteilt über 262
kleinere und größere Inseln, von denen die meisten
aber nicht bewohnt sind. Eigentlich eine sehr kleine Region, verglichen mit dem Rest
des Riesenreichs China. Aber trotzdem spielt Hongkong
eine bedeutende Rolle. Warum? Das hat v.a.
mit der Geschichte zu tun. Genau gesagt
mit der Geschichte Großbritanniens. Denn die Briten haben Hongkong
Mitte des 19. Jahrhunderts besetzt, haben dort einen großen Hafen gebaut
und sich immer weiter ausgebreitet. Sie haben Hongkong
als Kolonie begriffen und in ihr riesiges Königreich
einverleibt. Das blieb über viele Jahrzehnte
hinweg zu bestehen. Auch während des Ersten Weltkrieges
und danach, und auch während
des Zweiten Weltkrieges und danach. Allerdings
habe die Briten irgendwann gesagt, wir brauchen noch mehr Gebiete
und haben begonnen, die Regionen auf dem Festland
rund um Hongkong nicht zu besetzen, sondern
interessanterweise zu pachten, von China zu pachten. Weil die Briten ganz brave
bürokratische Menschen sind, haben sie gesagt, wir machen
einen Pachtvertrag mit China. Und in diesem Pachtvertrag stand: 99 Jahre lang
pachten wir diese Region, und danach, 1997,
geben wir Hongkong zurück an China. Genauso ist es 1997 auch passiert. In einer feierlichen Zeremonie hat der damalige
britische Gouverneur Hongkongs die Region an China zurückgegeben. Mehr zur Geschichte Hongkongs erfahrt ihr in einer Woche auf
dem Kanal “MrWissen2go Geschichte”. Falls ihr den nicht kennt –
oben auf dem I habe ich ihn verlinkt, und auch bei Instagram wird es was
geben auf dem Account um den Kanal. Unten in der Infobox der Link. So, zurück zum Jahr 1997
und zur Rückgabe. Vor dieser Rückgabe
gab es eine wichtige Vereinbarung zwischen der damaligen britischen
Premierministerin Margaret Thatcher und dem damaligen chinesischen
Präsidenten Deng Xiaoping. Die haben gesagt, wenn
jetzt Hongkong zurückgegeben wird, dann muss aber das System
dort erhalten bleiben. Und v.a. muss Hongkong
seine Autonomie wahren, muss sich also weiterhin
selbst regieren dürfen. Das heißt auch:
Demokratie weiter in den Hongkong und das kapitalistische System, oder
neutraler gesagt die Marktwirtschaft, die müssen bestehen bleiben. Deng hat das damals genannt: also ein Land China, und 2 Systeme. Einmal der Sozialismus in China
und dann die Demokratie in Hongkong. Hongkong wurde damit zu einer
sogenannten Sonderverwaltungszone. Übrigens genauso wie Macau. Macau ist 1999 in China aufgegangen, war davor
unter portugiesischer Herrschaft. Die Portugiesen
waren sehr lange in Macau aktiv. Das ist übrigens gar nicht
so weit von Hongkong entfernt. Und auch Macau
ist heute eine Sonderverwaltungszone. Dort ist bis heute Portugiesisch
eine der offiziellen Amtssprachen. In Hongkong ist neben Chinesisch bis heute
Englisch offizielle Amtssprache. Und auch sonst orientiert sich
vieles an Großbritannien. Das politische System,
das Wirtschaftssystem, aber auch Dinge wie Presse- und
Meinungsfreiheit gibt es in Hongkong. Und das macht die Region, wenn man so will, zu einer Insel
der Demokratie in China. Ein Land, das ansonsten
autoritär regiert wird und nicht unbedingt
demokratisch ist. Allerdings könnte sich das
in Hongkong bald ändern. Und genau darum
dreht sich momentan alles. Was ist da genau los? Immer mehr Einwohner Hongkongs
haben Angst davor, dass sich
an ihren Freiheiten etwas ändert, dass sie diese
Stück für Stück verlieren werden. Auch das hat mit einem Teil
der Vereinbarung zwischen Großbritannien
und China zu tun. Man hat damals gesagt, 50 Jahre lang darf am Autonomiestatus Hongkongs
nicht gerüttelt werden, bis ins Jahr 2047
soll alles so bleiben wie bisher. Was danach kommt,
das weiß kaum jemand. Aber bis 2047 weiterhin Demokratie,
Presse- und Meinungsfreiheit usw. Jetzt gibt es allerdings
immer mehr Anzeichen dafür, dass es der chinesischen Regierung
viel zu lang ist bis dahin und dass sie viel schneller
das beenden möchte. Der sogenannten lange Arm Pekings reicht immer weiter
nach Hongkong hinein. Und da sagen viele Menschen,
das ist eine große Gefahr. Wir verlieren hier alles und
dem müssen wir uns entgegenstellen. Dieses Entgegenstellen,
genauer gesagt die Proteste, die man gerade mitbekommt,
die haben v.a. mit 2 Dingen zu tun. Erstes: mit einem bisher
nicht eingehaltenen Versprechen. 1997 hat man den Menschen
in Hongkong gesagt, so, jetzt wird alles
noch demokratischer. Denn auch das gehört
zur Wahrheit dazu: Bis 1997 war Hongkong zwar weitaus
demokratischer als der Rest Chinas, allerdings längst keine Demokratie, wie man das z.B. aus Deutschland
oder Großbritannien kennt. Nur die Hälfte der Abgeordneten
wurde vom Volk gewählt, die andere Hälfte der Abgeordneten
im Parlament wurde von Vertretern
verschiedener Berufsgruppen gewählt. Die Banken hatten damit
einen enormen Einfluss, z.B. auf die Zusammensetzung
des Parlaments. Das hat viele nicht gepasst.
V.a. Peking hat das nicht gepasst. 2014 Wurde eine Reform vorgeschlagen, aber diese Reform ging in den Augen
vieler Menschen in Hongkong in die völlig falsche Richtung. Denn die Reform sah vor,
dass die Kandidaten, die zur Wahl stehen sollen,
von Peking ausgewählt werden. Von einem Komitee, das direkt der chinesischen
Zentralregierung unterstellt ist. Da haben viele gesagt,
das ist eine Farce, das hat mit Demokratie
nichts zu tun. Sie sind auf die Straße gegangen,
mit Regenschirmen, um sich, wie sie gesagt haben, gegen Wasserwerfer und Pfefferspray
der Polizei zu schützen. Diese Regenschirme wurden schnell
zum Symbol der Bewegung. Allerdings muss man sagen, diese Proteste
haben relativ wenig gebracht. Genauer gesagt
haben sie gar nichts gebracht. Denn heute ist Hongkong immer noch
nicht wirklich demokratisch. Es gibt
kein demokratisches Wahlrecht, sondern Hongkong
ist noch enger an Peking gebunden. Die aktuelle Regierungschefin
z.B., Carrie Lam, gilt als Marionette Pekings. Und auch sonst ist vieles direkt aus der chinesischen
Hauptstadt gesteuert. Also ihr Ziel haben die Demonstranten
nicht erreicht. Der 2. Grund für die Unzufriedenheit
und für die Proteste momentan knüpft direkt daran an. Die Sache mit dem Wahlrecht
ist immer noch aktuell, und dann gibt es
da noch etwas anderes, nämlich die große Angst
vor dem zunehmenden Einfluss Pekings auf vielen Ebenen. Auslöser
für die aktuellen Demonstrationen ist ein geplantes Gesetz
der Regierung in Hongkong, die die Auslieferung von mutmaßlich
Kriminellen an China erlauben wollte. Da haben viele gesagt,
das geht gar nicht. So können z.B. Oppositionelle einer
großen Gefahr ausgesetzt werden. Sie sind auf die Straße gegangen
und haben wieder demonstriert. In diesem Fall erfolgreich, denn das Gesetz ist bis heute
nicht durchs Parlament gekommen. Wer sind eigentlich diese Menschen, die so unzufrieden sind und
demonstrieren? In erster Linie
sind das junge Menschen, die sich Angst
um ihre Zukunft machen. Schüler, Studenten,
junge Arbeitnehmer, die dann z.T. unterstützt werden
von Intellektuellen. Das ist eben der 2. Grund. Die Menschen machen sich Sorgen
um ihre Zukunft, Sorgen darum, dass Peking irgendwann die Kontrolle
in Hongkong komplett übernimmt. Jetzt muss man aber sagen,
dass diese Demonstranten, die von den westlichen Medien gerne
mal als die Guten dargestellt werden, oft gar nicht so gut sind. Sondern
dass sie sehr brutal vorgehen. Gerade neulich gab es z.B. den Fall, dass bei einer Besetzung
des Hongkonger Flughafens 2 Männer verprügelt
und lange festgehalten wurden. Sie durften nicht behandelt werden, weil man gedacht hatte,
es wären zivile Polizisten. Hat sich dann später
als falsch herausgestellt. Auch sonst gibt es oft
gewaltsame Ausschreitungen und Straßensperrungen.
Da fliegen Molotowcocktails usw. Friedliche Demonstrationen sind das in Hongkong inzwischen
längst nicht mehr. Im Gegenteil. Genau das könnte der chinesischen
Regierung in die Karten spielen. Denn genau hier kommt jetzt
das Hongkonger Grundgesetz ins Spiel, Die Verfassung Hongkongs, in der es im Art. 14 und Art. 18
sinngemäß heißt: Gibt es Aufruhr in Hongkong,
gibt es Unruhen, die die Regierung nicht mehr
unter Kontrolle bringen kann, dann dürfen chinesische Truppen
eingreifen und die öffentliche Ordnung
wiederherstellen. Außerdem dürfen chinesische Gesetze
in Hongkong angewandt werden, um eben wieder für Ordnung zu sorgen. Beobachter aus dem Westen vermuten,
dass China genau deshalb provoziert. Dass ganz bewusst Provokateure unter die Demonstranten
gemischt werden sollen, damit alles radikaler wird
und damit man sagen kann, okay, jetzt ist alles außer Rand
und Band, wir müssen eingreifen. Vor diesem Hintergrund
ist es sehr bemerkenswert, dass die zuständige Stelle in Peking
für Hongkong-Angelegenheiten neulich davon gesprochen hat, in Hongkong gebe es
“fast Terrorismus”, Zitat Ende. Das könnte natürlich
schon der Versuch sein, da ein Eingreifen zu begründen. Genau dafür könnte sprechen, dass die chinesische Regierung
schon seit einiger Zeit Militär in die Grenzregion
zu Hongkong verlegt. Könnte natürlich einfach nur
ein Einschüchterungsversuch sein, könnten aber auch Vorbereitungen sein
für ein Eingreifen in Hongkong. Das wiederum könnte blutig enden. Beobachter
ziehen da Vergleiche zum Massaker auf dem sogenannten Platz
des himmlischen Friedens in Peking, wo vor 30 Jahren Menschen
friedlich demonstriert haben, und diese Demonstrationen
wurden brutal niedergeschlagen. Mehr dazu
findet ihr unten in der Infobox. Das heißt also,
es steht gerade auf der Kippe. Entweder die Demonstranten
mäßigen sich, alles läuft in friedlichen Bahnen ab, oder aber es eskaliert
und China greift womöglich ein und letztendlich übernimmt China
die Macht in Hongkong. Wohin das führt, werden wir in
den nächsten Tagen und Wochen sehen. Mich interessiert bei euch,
wie ihr das seht. Wie wird es weitergehen in Hongkong? Was macht die chinesische Regierung?
Was machen die Demonstranten? Schreibt es unten in die Kommentare, lasst uns da
ein bisschen drüber diskutieren. Neben mir findet ihr
ein weiteres Video zu diesem Thema, vom Kollegen Marvin, und direkt darunter
ein aktuelles Video von mir zu einem ganz anderen Thema,
da geht es um die Frage: Ist Facebook bald tot? Danke euch fürs Zuschauen,
bis zum nächsten Mal! Untertitel:
ARD Text im Auftrag von Funk (2019)