Ein Blumenmeer und Kerzen, eine Schweigeminute
am ersten Tatort. Die Menschen hier in Hanau
stehen zusammen und trauern. Auch Nazim Turan ist dabei,
er ist in Hanau geboren. Wir treffen den 27-jährigen
Mathe-Master-Studenten kurz vor Beginn der Demonstration. Die schreckliche Tat
am Mittwochabend kam für ihn völlig überraschend. Wir haben damit niemals gerechnet. Wir haben hier alle gut harmoniert. Hanau ist für uns eine bunte,
schöne Stadt. Deswegen war das für uns ein Schock. Nazim Turan
engagiert sich seit Jahren in der Jugend des internationalen
Kulturzentrums Hanau. Aktionen gegen Rassismus stehen
dort häufiger auf dem Programm. In seiner Rede heute
auf der Bühne klagt er an. Verurteilt den Umgang
mit Rassismus in Deutschland und die Tat: Sie ist das Produkt des Schweigens,
wenn rassistische Sprüche, Witze und Kommentare
unkommentiert bestehen dürfen. Es steht alles in Verbindung. Rassismus ist ein System,
eine Struktur liebe Freunde. Der DGB und andere Initiativen
haben zur Demo aufgerufen. Rund 3000 sind gekommen,
nehmen Anteil. Ich bin selber geborener Grieche
in Deutschland. Ich fühle mich hier zu Hause. Das ist einfach nur schrecklich,
was hier passiert ist. Es könnte jeden getroffen haben. Es reiht sich ein: Nach Walter
Lübcke, NSU-Morden, Halle jetzt Hanau. Deswegen sind wir hier,
um uns zu solidarisieren. Wir wollen uns solidarisch erklären mit den Familien,
den Angehörigen, den Menschen. Es ist ein Angriff auf uns alle
und deshalb sind wir hier. Das nordhessische Marburg ist
100 km entfernt von Hanau, aber Entfernungen
spielen heute keine Rolle. 4500 Menschen kamen am Mittag zum
Marktplatz in die Oberstadt. Sie drücken ihre Wut und Trauer
aus und ihren Zorn. Ein Schweigemarsch
führt in die Innenstadt. Dieser Anschlag gilt nicht uns
allen, aber er betrifft uns alle. Umso wichtiger ist es, dass wir
ein klares Zeichen gegen Rassismus, gegen rechtsextrimistischen
und rassistischen Terror aber auch gegen Alltagsrassismus
in unserer Gesellschaft setzen. Frauen und Männer,
Junge und Alte sind gekommen. Sie machen sich gemeinsam stark,
gegen Rassismus. Neben Gewerkschaften, Politikern
und Religionsvertretern sind auch viele Karnevalisten
vor Ort: Um zu zeigen,
dass wir alle zusammenhalten und dass so Leute keinen Platz
in der Gesellschaft haben, egal ob beim Karneval oder überall. Ich habe drei Enkelkinder. Mir macht das Angst, dieser
Rechtsruck, der macht mir Angst. Ich möchte, dass meine Kinder
in einer freien Welt aufwachsen, in einer bunten Welt. Zurück zu Nazim Turan
und zur Demo in Hanau. Der junge Mann ist ist beeindruckt,
wie viele Menschen heute für seine Heimatstadt und gegen
Rassismus auf die Straße gehen. Ich kann es gar nicht
in Worte fassen. Die Menschenmenge,
die hier hergekommen ist! Was für ein Zeichen wir als
Hanauer Mitbürger setzen konnten. Es ist unfassbar.
Es erfüllt mich mit Stolz. Ich bin froh ein Hanauer zu sein. Hanau, eine Stadt in Trauer, in der Rassismus wie überall in
Deutschland keinen Platz haben soll.